04. Apr 2019 | Nr. 34 | Kategorie: Pressemitteilungen

Reportage: Ich sehe was, was du nicht siehst

Der Sternenhimmel im Naturpark Nossentiner/Schwinzer Heide, Foto: TMV/Kirchgessner

Der Sternenhimmel im Naturpark Nossentiner/Schwinzer Heide, Foto: TMV/Kirchgessner

Fledermäuse, Bären und ein fantastischer Sternenhimmel. In der Natur Mecklenburg-Vorpommerns gibt es auch dann viel zu entdecken, wenn die Sonne schlafen geht. Erlebnisse junger Naturliebhaber in der Mecklenburgischen Seenplatte.

Wie Räuber schleichen wir durch den Wald. Unsere kleine Gruppe von Nachtschwärmern ist in der Abenddämmerung aufgebrochen. Wir sind auf der Suche nach Gleichgesinnten, einer ganz besonderen nachtaktiven Spezies, den Fledermäusen. Der Anführer unserer Gruppe ist Ralf Koch, ein wahrer Freund der sagenhaften Nachtwesen. Seit vielen Jahren kümmert sich der 54-Jährige als Leiter des Naturparks Nossentiner/Schwinzer Heide neben vielen anderen Aufgaben vor allem um den Fledermausschutz. „Im Mittelalter wurden sie gejagt, im asiatischen Raum sind sie heilig. Neben den natürlichen Feinden wie Eulen und Mardern hat über viele Jahrhunderte der Mensch die Fledermäuse verfolgt und getötet“, erzählt er uns zuvor bei der Einführungsrunde im Naturpark. Dabei würden die siebzehn verschiedenen Fledermausarten, die hier leben, eine wichtige Funktion einnehmen. „Wo sie sind“, erzählt Koch seinem staunenden Publikum, „ist die Natur intakt.“ Wir lernen, dass das Große Mausohr beispielsweise Laufkäfer bevorzugt, wohingegen das Braune Langohr am liebsten auf die Jagd nach Faltern geht. Die Zwergfledermaus frisst vor allem Mücken – und das in großen Mengen. Bis zu tausend Mücken fallen ihr in einer einzigen Nacht zum Opfer – danke, danke, danke. Nicht auszumalen, was wir Menschen auszuhalten hätten, würden die Zwerg- und Mückenfledermäuse uns nicht von diesen Plagegeistern befreien.

Im dunklen Wald den Sternen ganz nah
Inzwischen ist es dunkel geworden. Vorsichtig tasten wir uns voran. „Und wo sind die Blutsauger?“, fragt einer aus der Runde scherzhaft, aber doch mit bangem Unterton. Ralf Koch lacht: „Keine Angst. Die Vampirfledermäuse werdet ihr hier nicht finden. Die leben auf dem amerikanischen Kontinent. Aber – hört ihr das? So klingt die Zwergfledermaus.“ Ein seltsames Keckern tönt aus dem kleinen Gerät, das Ralf Koch in seiner Hand hält. Der sogenannte Batcorder macht die für den Menschen unhörbaren Ultraschallrufe von Fledermäusen hörbar. Und – ganz ehrlich – ein bisschen gruselig wird einem da schon zumute.

Als wir an eine Lichtung gelangen, stockt uns der Atem. Über uns ein fantastischer Sternenhimmel, so klar und funkelnd, wie man ihn selten zu sehen bekommt. Man hat hier die Nachthimmelhelligkeit gemessen, erzählt Koch. Sie hat einen Wert von 21,5 arcsec2 (Magnituden pro Quadratbogensekunde). Die weltweit dunkelsten Werte liegen bei knapp über 22. Kein Wunder, dass das Gebiet mit diesem Nachthimmel über der Nossentiner/Schwinzer Heide bald zum Sternenpark gekürt werden soll; er wäre der erste in Norddeutschland. Tief beeindruckt tritt unsere Gruppe den Weg nach Hause an. Diese Nacht waren wir den Sternen so nahe wie der Mann auf dem Mond.

Einblick ins Wohnzimmer der Braunbären
Diesmal heißt es früh aufstehen. Nachdem wir mit Ralf Koch in die Nacht gewandert und dabei Fledermäusen, Eulen, Rehen und Füchsen begegnet sind, geht es heute in der Morgendämmerung in den Bärenwald Müritz. Hier, im Herzen der Mecklenburgischen Seenplatte, liegt Westeuropas größtes Bärenschutzzentrum, ein Tierschutzprojekt von „Vier Pfoten“. Die internationale Stiftung setzt sich mit nachhaltigen Kampagnen und Projekten für den Tierschutz ein. Derzeit leben sechzehn Braunbären in dem naturbelassenen Wald. Sie wurden, erzählt uns die Cheftierpflegerin Sabine Steinmeier, aus nicht artgemäßer Haltung gerettet. Hier finden sie einen Lebensraum, der ihren natürlichen Bedürfnissen entspricht: eine abwechslungsreiche Landschaft mit Mischwald, Wiesenflächen, Waldlichtungen, Hanglagen und einem natürlichen Wasserlauf. Optimale Voraussetzungen für die ehemals in Gefangenschaft gehaltenen Braunbären, um ihr natürliches Verhalten wiederzuentdecken und ausleben zu können.

Konzerte der Tiere live erleben
Jetzt in der Morgendämmerung und am Abend ist die Zeit, zu der die Tiere ihren Schlafplatz verlassen und auf Nahrungssuche gehen. Normalerweise sind Bären Einzelgänger, erklärt Sabine auf dem Weg zu einer kleinen Anhöhe. Aber hier leben die Tiere in Gruppen. „Wir haben die Gruppen so zusammengestellt, dass sie sich vertragen.“ Und da tauchen sie plötzlich auf. Zwei Bären am Ufer eines kleinen Sees. Wie wir erfahren, stammen die zwei aus einem serbischen Zirkus. Offensichtlich haben sie Angst. Sabine führt uns etwas weiter weg, damit sich die beiden wieder beruhigen und wir sie in Ruhe beobachten können. Der Wald erwacht zum Leben.

Ein Konzert aus Tierstimmen setzt ein. Wer wer ist, das erfahren wir von Torsten Weiß, der uns den Naturentdeckerpfad zeigt. Hier kann der Besucher spielerisch herausfinden, welche Tiere hier leben und vor allem, an welchen Lauten man sie erkennt. Man kann hier einen ganzen Tag verbringen und viel über die einheimischen Wildtiere lernen. Es gibt sogar eine Bären-Bibliothek und eine Bären-Akademie. Für Naturliebhaber und Sternengucker wie uns ein Ort der Glückseligkeit.

 

Weitere Fotos zum Herunterladen:

Ralf Koch prüft, ob sich Fledermäuse im Kasten befinden. (Quelle: TMV/Kirchgessner)

Vorsichtig hält der Experte eine Fledermaus in den Händen. (Quelle: TMV/Kirchgessner)

Zwei Braunbären aus dem Bärenwald Müritz suchen nach Nahrung. (Quelle: TMV/Kirchgessner)

 

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