18. Feb 2019 | Nr. 17 | Kategorie: Pressemitteilungen

Reportage: Mondäne Vergangenheit – Elegante Moderne

Der Binzer Rettungsturm von Ulrich Müther, auch „Ufo“ genannt, Foto: TMV/Kirchgessner

Der Binzer Rettungsturm von Ulrich Müther, Foto: TMV/Kirchgessner

Von fürstlichen Bauten bis zu modernem Beton: Binz hat eine beeindruckende historische Architektur vorzuweisen, umrahmt von erstklassigen gastronomischen und kulturellen Angeboten. Architektin Heike Nessler zeigt ihre Lieblingsorte in der Binzer Bucht.

Villa Haiderose, Haus Klünder, Villa Meeresgruss – die Liste dieser Bäderstil-Häuser mit ihren reich verzierten, schneeweißen Fassaden ließe sich (fast) endlos fortsetzen. 1318 erstmals als „Byntze“ urkundlich erwähnt, war das berühmte Ostseebad zunächst eine Ansammlung von Gehöften mit Landwirtschaft und Fischfang. Bis Wilhelm Malte I., Fürst zu Putbus, 1780 das kleine Örtchen für 18.000 Taler kaufte. Um 1900 kamen vermehrt Interessenten nach Binz, kauften Grundstücke und beauftragten ihre heimischen Architekten mit dem Bau von Villen, Hotels und Pensionen. „So entstand die Bäderarchitektur – eine Mischung aus ganz vielen Baustilen mit Einflüssen aus allen Teilen Deutschlands und über die Grenzen hinaus“, erzählt Heike Nessler auf einem Spaziergang entlang der Binzer Strandpromenade. Die gebürtige Rüganerin ist familiär eng mit der Entstehungsgeschichte des Seebades verbunden. Ihr Großvater Fritz Nessler war der letzte Architekt des Fürsten Malte zu Putbus, Wilhelm Malte II. Wen wundert es, dass die 52-Jährige ebenfalls diese Laufbahn einschlug.

2015 wurde ihr Büro in Lauterbach mit der Instandsetzung des ehemaligen Rettungsturms beauftragt, eines der populärsten Werke des Binzer Baumeisters Ulrich Müther. Die am südlichen Ende des Strandes gelegene weiße Betonkapsel ähnelt einem übergroßen Stielauge, das im Schutz der Dünen den Strand in alle vier Richtungen immer im Blick hat. Die großen Fensterfronten und zentimeterdünnen Wände des futuristischen Bauwerks lassen beim Betrachter ein Gefühl der Leichtigkeit entstehen, das perfekt mit der unendlichen Weite des Himmels und des Meeres harmoniert. Den Grundstein für die extravaganten und filigranen Hyparschalenkonstruktionen legte der „Landbaumeister von Rügen“, wie Müther sich selbst nannte, in den 1960er-Jahren. Schnell wurden sie zu einem begehrten Exportgut: Bauwerke in Polen, Libyen, Kuba und Finnland tragen seine unverwechselbare Handschrift. Doch in keiner anderen Region gibt es so viele Hyparschalenbauten von ihm wie auf Rügen – 12 außergewöhnliche Bauwerke zeugen von seiner Schaffenskraft. „Normalerweise baue ich ja neu, aber Ulrich Müther hat mich sehr interessiert“, erzählt Heike Nessler beim „Aufstieg“ in das Stielauge, heute eine der Außenstellen des Binzer Standesamtes. „Es gibt keine Normen für das, was Müther gemacht hat. Seine Formen und seine ganze Herangehensweise sind unkonventionell und genauso sind wir auch bei der Sanierung vorgegangen, damit diese wunderbare Luftigkeit erhalten bleibt.“

Luftigkeit – das ist das, was Inselbewohner lieben. Und die Freiheit am und auf dem Meer. Heike Nessler zieht es deshalb regelmäßig aufs Wasser, mit Surfbrett oder Stand-up-Paddel-Board. Frischen Wind um die Nase gibt es auch an einem ihrer Lieblingsorte, dem „Adlerhorst“ im Naturerbe Zentrum Rügen in Prora. Auf der 40 Meter hohen Aussichtsplattform angekommen, erkennt man bei guten Sichtverhältnissen sogar die Kirchturmspitzen von Stralsund. „Von hier oben sieht man, wie sich die Natur verändert – jeden Tag. Wir Architekten können die Zeit gewissermaßen anhalten und in Beton gießen. Das ist ein Privileg.“ Für die Sanierung des „Alten Forsthauses Prora“ und den Neubau des Umweltinformationszentrums zu Füßen des Baumwipfelpfades hatte sie die Bauausführung vor Ort übernommen. „Und dort“, Heike Nessler zeigt Richtung Ostsee, „liegt das ehemals geplante KdF-Bad Prora. Das 4,5 Kilometer lange Gebäude-Ensemble erlebt nach wechselvoller Geschichte eine Auferstehung als moderner Wohn- und Urlaubsort.“

„So, und jetzt zeige ich euch, wo es den besten Fisch gibt“, sagt Nessler, während sie auf ihr Fahrrad springt. Ihr Ziel ist die Fischräucherei Kuse an der Strandpromenade 3 in Binz. Ein Familienbetrieb in vierter Generation und die letzte Strandfischerei im Ort. Die duftenden, goldbraunen Spezialitäten aus dem Buchenholz-Räucherofen sind weit über Binz hinaus bekannt. Mit einer Tüte Sprotten und einer Flasche Sanddorn-Limonade in der Hand setzt sich Heike Nessler in den Strandkorb, schließt die Augen und atmet durch. „Mein Ruhepol.“ Vor ihr schimmern die weißen Villen von Binz, hinter ihr erstreckt sich die Weite der Ostsee, in den Ohren das sanfte Plätschern der Wellen – da ist man doch gern auf einer Insel. Ein Leben lang.

Weitere Fotos zum Herunterladen:
Kurz nach Sonnenaufgang ist es noch menschenleer auf der Binzer Seebrücke. Im Hintergrund: das Kurhaus, ein Wahrzeichen des Ostseebades (Quelle: TMV/Kirchgessner)

Aus dem „Ufo“ in den Dünen bietet sich ein faszinierender Rundumblick auf Strand, Ostsee, Kreideküste und Promenade (Quelle: TMV/Kirchgessner)

Perspektivwechsel: Auf dem Stand-up-Paddel-Board lässt sich Binz vom Wasser aus entdecken (Quelle: TMV/Kirchgessner)

Ein Strandkorb und ein kühles Getränk am Strand sowie das Wellenrauschen im Ohr – alles, was zu einem perfekten Tag am Meer gehört (Quelle: TMV/Kirchgessner)

Der Aussichtsturm des Baumwipfelpfads, umgeben von Wäldern der Schmalen Heide, bietet einen einzigartigen Blick in die Binzer Bucht (Quelle: TMV/Kirchgessner)


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