05. Jul 2016 | Nr. 61 | Kategorie: Feature

Feature: Lagunen an der Ostsee

Windwatt vor der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst, Foto: TMV

Windwatt vor der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst, Foto: TMV

Mit den Boddenlandschaften gehören ganz besondere Wasserwelten zu den 7 Naturwundern Mecklenburg-Vorpommerns. Ein Überblick.

Es scheint paradox: Um sich dem Wasser zu nähern, gehen wir zunächst in die Luft. Steigen auf des Überblicks wegen in die Perspektive der Kraniche, die sich jedes Jahr zum XXL-Zwischenstopp einfinden auf Deutschlands beliebtester Halbinsel Fischland-Darß-Zingst. Einem in jeder Hinsicht extravaganten Stück Land, das von oben aussieht wie eine gen Osten gerichtete Pistole. Das irre Gebilde verdankt seine Form zum einen den Ostseewellen, die mit unermüdlicher Schöpferkraft seine Nordflanken attackieren und modellieren. Im Süden hingegen wird Fischland-Darß-Zingst überhaupt erst zur Halbinsel durch eine Wasserland-schaft von ganz eigenem Flair. Sie separiert den schmalen Streifen vom Festland und faszi-niert durch ganz und gar eigenen Zauber: die Welt der Boddengewässer.

Bereits aus der Luft ein unvergesslicher Anblick: Propellerten wir eben noch über dem weltberühmten Darßer Weststrand, gleitet die Cessna nach abruptem Ostschwenk jetzt über saftige Wiesen und Weiden – ein sattgrüner Rahmen für die glitzernden Binnengewässer mit ihren einsamen Inselchen. Doch das ist nur der Auftakt. Hinter Zingst legt die Natur erst richtig los. Zum Beispiel mit dem einzigartigen Windwatt, das nur von oben seine ganze surreale Schönheit zeigt – eine zehn Kilometer lange Sandbank, die kaum ein Mensch je betritt und auf der Muscheln, Schnecken, Würmer und Krebse folglich ganz und gar ungestört leben.

Fahrzeug- und Perspektivwechsel. Vom Flieger ins Boot, von der Luft auf den Bod(d)en. Genau genommen liegen gleich drei solcher Lagunen zwischen Halbinsel und Festland. Ein Areal von annähernd 200 Quadratkilometern Größe, im Durchschnitt gerade mal zwei Meter tief und an einigen Stellen so flach, dass Booten nur eine schmale Fahrrinne bleibt. Selbst Aussteiger stünden hier mitunter nur knietief im Wasser, wenn man denn so einfach aussteigen dürfte in diesem hochsensiblen Ökosystem. Von der geringen Tiefe stammt übrigens vermutlich auch der Name – Bodden ist niederdeutsch und bedeutet „Boden“ oder „Grund“.

In der Urlaubs- und Freizeitwelt von Fischland-Darß-Zingst jedenfalls sind diese Gewässer mit ihren breiten Schilfgürteln ein unverzichtbares Element. Besonders beliebt: Bodden-Törns auf traditionellen Zeesenbooten, mit denen bis in die 1980er Jahre gefischt wurde. Heute schippern die rostbraun getakelten Segler als Ausflugsboote um die Halbinsel und kämpfen im Sommer auf Regatten spektakulär um Siege. Wer hingegen gern selbst Segel setzt, etwa um als Kite- oder Wind-Surfer übers Wasser zu jagen, findet im Flachwasser des Saaler Boddens zwischen Fischland und Festland ein exzellentes Revier.
Nicht zu vergessen: Die Boddenlandschaften – eigentlich nichts weiter als überflutete Grundmoränen, die während der letzten Eiszeit entstanden und vom Meer typischerweise abgetrennt wurden durch langgestreckte Inseln oder Halbinseln – sind maßgebliches  Ele-ment und nicht von ungefähr Namensgeber des „Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft“. Weitgehend isoliert vom ohnehin salzarmen Brackwasser der Ostsee haben die Bodden von Fischland-Darß-Zingst nahezu den Charakter von Süßwasserseen. Das gefällt vielen Vogelarten ausnehmend gut, die außerdem an den dicht mit Schilf bewachsenen Ufern exzellente Nist-, Brut- und Lebensbedingungen vorfinden.

Nur an der südlichen Ostsee gibt es diese Lagunen, die Mecklenburg-Vorpommern neben den Inseln, den Kreidefelsen, den Kranichen, den Küstenwäldern, den Seenlandschaften und der Wildnis zu seinen 7  Naturwundern zählt. Und das vollkommen zu Recht: Die Bodden sind Welten für sich. Mit eigener Natur, mit eigener Kultur, mit eigenem Charakter. Oft liegen nur wenige hundert Meter zwischen Ostseestränden und Boddenufern, doch immer wieder frappiert der Kontrast. Wogende See und Urlaubstrubel auf der einen, ruhender See und tiefer Frieden auf der anderen Seite. Bodden schmeicheln dem Auge. Streicheln die Seele. Liebkosen das Gemüt. Am oder auf den Bodden bekommt Zeit eine andere Dimension und einen veränderten Wert – nach ein paar Tagen sind Hektik und Stress nur noch abstrakte Begriffe.

In Mecklenburg-Vorpommern kann man dieses Fluidum aber nicht nur auf Fischland-Darß-Zingst spüren; wenn es um Anzahl und Größe der Bodden geht, hat Rügen eindeutig die Nase vorn. Hier dominieren gleich zwei große Boddenketten die Landschaft: So sind die vier Westrügenschen Bodden einschließlich der Insel Hiddensee ebenfalls Teil des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft. Im Norden wiederum grenzen der Bug, die Halbinseln Wittow und Jasmund sowie die Landzunge Schaabe eine Gewässerkette gen Norden ab, die aus gleich zehn Bodden besteht und das Profil der Insel maßgeblich formt. Auch sie sind nur schwach salzhaltig, fischreich und als Wassersportreviere ausgesprochen populär.

Rügens Südküste ist zugleich Nordufer des Greifswalder Boddens, mit 514 Quadratkilometern Fläche der Big Boss in Vorpommern und sogar noch etwas größer als der Bodensee. Seine Küstenlinie ist stark gegliedert; verschiedene Halbinseln reichen weit in das Gewässer hinein und teilen es in zum Teil tief eingeschnittene Buchten. Mit vielen flach abfallenden Stränden ist der Greifswalder Bodden ein Eldorado für Familien mit kleinen Kindern, ein Traumrevier für Kiter und Surfer,  ein Schlaraffenland für Zander-, Hecht- und Aalangler und ein Paradies für Brutvögel vieler Arten, die an den Küsten eine gut gefüllte Speisekammer vorfinden und im Europäischen Vogelschutzgebiet besonders ungestört leben.

Ein besonderer Kandidat unter den Vorpommerschen Bodden ist der Peenestrom, ein Meeresarm, der Usedom vom Festland trennt. Etwas über 20 Kilometer lang, verbindet er das Stettiner Haff mit der offenen Ostsee und ist damit zugleich einer der drei Mündungsarme der Oder zum Meer. Seine Ausbuchtungen wie Achterwasser und Krumminer Wiek ragen weit in die Insel Usedom hinein. Der Strom ist bedeutsam als Lebensraum für Seeadler, Reiher, Kormorane und Seeschwalben, und die Peenemündung wurde wegen ihres Vogelreichtums bereits 1925 als Naturschutzgebiet ausgewiesen.

www.nationalpark-vorpommersche-boddenlandschaft.de
www.kuestenexkursion.de
www.vorpommern.de
www.auf-nach-mv.de

Weitere Fotos zum Download:

Windwatt vor Fischland-Darß-Zinsgt (2), Quelle: E. Eichler

Inselgruppe Kleiner Werder, Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft, Quelle: TMV/Knobloch


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