13. Jul 2012 | Nr. 57/12 | Kategorie: 09 Urlaubsarchitektur

Urlaubsarchitektur in Mecklenburg-Vorpommern

Im Architekturführer: Rettungsstation in Heiligendamm (Foto: Olaf Bartels)

Im Architekturführer: Rettungsstation in Heiligendamm (Foto: Olaf Bartels)

Mecklenburg-Vorpommern ist ein Urlaubsland und durchaus führend in der Übernachtungsstatistik, die die Tourismusverbände erheben. Der Tourismus ist ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Wirtschaftsfaktor im Bundesland. Dabei sind nicht nur die landschaftlichen Reize der Ostseeküste mit ihren weißen Sandstränden auf Rügen, Usedom oder auf dem Darß oder die weiten Rapsfelder und die langen Alleen, die Seen oder die Müritz Ausschlag gebend, sondern auch die Architektur im Land.

Die Backsteingotik der großen Kathedralen in den von der Unesco als Weltkulturerbe  anerkannten Städten Wismar und Stralsund, in Schwerin, Rostock oder Greifswald, das Zisterzienserkloster mit seinem Münster in Bad Doberan und die im Land verteilten Dorfkirchen, Kapellen, Klosteranlagen sind wahre Schätze für Entdeckungsreisende. Einschlägige Publikationen über die „Straße der Backsteingotik“ haben sie bekannt gemacht und zu Reisezielen für Bildungsreisen werden lassen.

Die markante Architektur der Seebäder an der Ostsee, die im 19. und 20. Jahrhundert die Orte entlang der Ostseeküste und auf den Inseln prägte, sind für den Tourismus heute so attraktiv, dass Gestaltungssatzungen in den entsprechenden Gemeinden kaum etwas anderes zulassen, als im Formenkanon dieser historischen Architektur weiterzubauen. Die Bäderarchitektur schafft mit ihren Logierhäusern, Hotels und vor allem mit den Musikpavillons, Seebrücken und Kiosken ein Umfeld, das den Aufenthalt in den Badeorten zu einem prägenden Erlebnis macht. Sie ist eine Urlaubsarchitektur. In den Seebädern traut man diese Qualität einer zeitgenössischen Architektur nicht mehr unbedingt zu, wenn sie sich nicht einem historisierenden Formenvokabular bedient. Die restriktiven Gestaltungssatzungen der Seebädergemeinden belegen dieses Misstrauen.

Jan Hammer und Nadine Weiland zeigen mit ihren Veröffentlichungen, einer Website, die unter dem Namen Urlaubsarchitektur erreichbar ist (www.urlaubsarchitektur.de), und einer ebenso betitelten Buchveröffentlichung, dass diese Bauform nicht nur zeitlich weiter gefasst werden kann, sondern auch räumlich. Europaweit haben sie Bauten aufgespürt, die für eine bestimmte Zeit zur Heimat werden sollen: in den Bergen, am Meer, an Seen oder in der Großstadt. Es sind Neu-, aber auch Umbauten aufgeführt, die allerdings nicht im Sinne einer in altem Stil neu gebauten Seebäderarchitektur entstehen, sondern ihre Zeitgenossenschaft unterstreichen. Es geht um eine neue Architektur, um die moderne Gestaltung eines temporären Lebensumfeldes. Die beiden Autoren führen deshalb vorwiegend Behausungen auf: Hotels, Pensionen, Ferienhäuser, die auch an skurrilen Orten entstanden sind: in einem alten Lotsenturm auf Usedom oder in einem alten Verladeturm an der deutsch-polnischen Grenze bei Frankfurt an der Oder. Für Mecklenburg- Vorpommern sind einige Eintragungen zu verzeichnen, darunter das Seehotel am Neuklostersee (Nalbach und Nalbach Architekten) und der Speicher (Architekt Giencke) in Barth.

Zu einer Architektur, die im Urlaub eine wichtige Bedeutung hat, zählt allerdings mehr als die des direkten Lebensumfeldes, auch wenn dies so umfassend gestaltet ist wie beispielsweise in der Anlage des Seehotels in Nakensdorf. Die Urlaubsorte müssen mit Informationsstellen für Touristen, Rettungsstationen an den Badestränden und anderem eine besondere Infrastruktur vorhalten. Dass Rettungsstationen eine eigene architektonische Interpretation vertragen, haben schon die von Ulrich Müther und Dietrich Otto entwickelten Bauten am Strand von Binz auf Rügen gezeigt. Die Rettungsstationen in Heiligendamm (Hass+Briese Architekten) und in Ahlbeck auf Usedom (Architekt Dreischmeier) haben diesen Ansatz wieder aufleben lassen. Der Tourismus zieht besondere Bauaufgaben nach sich, die auch besondere architektonische Formen annehmen können. Für sie gibt es keine traditionellen Muster. Das Ozeaneum in Stralsund (Behnisch Architekten) oder das Müritzeum in Waren (Wingårdhs Architekten) zeigen das anschaulich. Diese Bauten sind in den Ortsbildern entsprechend auffällig, wenn auch gestalterisch eingebunden. Schließlich profitieren die Städte von der Aufmerksamkeit für diese Bauten, auch wenn sich hier nicht unbedingt der sogenannte Bilbao-Effekt einstellt, der der baskischen Stadt durch sein neues von Frank O. Gehry entworfenes Guggenheimmuseum einen hohen Besucherzustrom beschert hat. Aber so ganz ohne Hintergedanken wird die Stadt Ribnitz-Damgarten das zwar einfach gestaltete, mit seiner roten Fassadenfarbe dennoch auffällige Bernsteinhaus (Bastmann + Zavracky Architekten) nicht auf dem neu gestalteten Marktplatz platziert haben. Schließlich ist hier neben der Gastronomie (Innenarchitektur: walter + planer) auch eine Besucherinformationstelle eingerichtet worden, die so recht einfach zu finden ist. Aber Auffälligkeit ist nicht das einzige Merkmal dieser Art von Urlaubsarchitektur. Das Bernsteinmuseum (Bräuer Architekten), ebenfalls in Ribnitz-Damgarten profitiert gerade von seiner gestalterischen Zurückhaltung. Auch so manches Ferienhaus auf dem Darß profitiert davon, in das Ortsbild eingebunden zu sein. Es fällt schlicht weniger auf, wenn es leer steht und wird so eventuell weniger leicht beraubt.

Urlaubsarchitektur ist also weniger eine Bautypologie oder gar eine Stilrichtung. Sie ist eine besondere baukulturelle Herausforderung, der in Mecklenburg-Vorpommern auf hohem Niveau entsprochen wird, was mancherorts noch ausbaufähig ist. Die zuletzt genannten Beispiele sind deshalb auch im neu aufgelegten Architekturführer Mecklenburg-Vorpommern zu finden.

Olaf Bartels


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