13. Jul 2012 | Nr. 57/12 | Kategorie: 09 Urlaubsarchitektur

Interview mit Olaf Bartels: Bedeutsamer Umgang mit baukulturellem Erbe und spannende Neubauten

Neuer Architekturführer über Mecklenburg-Vorpommern erschienen

TMV: Mecklenburg-Vorpommern wird mit Backstein, Bäderarchitektur und Gutshäusern in Verbindung gebracht. Was macht MV zu einem Ort der Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Architektur?
Bartels: Viele Architekten und deren Bauherren haben sich in Mecklenburg-Vorpommern bei Umbauten, aber auch bei Neubauten auf das baukulturelle Erbe besonnen und es behutsam und gleichzeitig zeitgemäß ergänzt. Sie haben der Architektur dadurch in vielen Fällen ihre Authentizität bewahrt und sie gleichzeitig im 21. Jahrhundert ankommen lassen. Man bekommt als Besucher nicht das Gefühl, nur in einem großen Freilichtmuseum herumzuspazieren, sondern merkt auch, dass etwas spannendes Neues entsteht.
TMV: Was würden Sie unter dem Begriff Urlaubsarchitektur verstehen?
Bartels: Zur Urlaubsarchitektur gehören nach meiner Auffassung alle Bauten, die man im Urlaub braucht: angefangen beim Hotel oder Ferienhaus, dem Campingplatz über die Touristinformation, der Gaststätte bis zum Museum, dem Besucherzentrum oder der Rettungsstation am Strand. Architektur ist Teil unseres Alltags. Im Urlaub wird uns das vielleicht besonders bewusst, weil man sich wohl fühlen und etwas erleben möchte, und dazu gehört auch eine gut gestaltete Umgebung. Leute, die vom Tourismusgewerbe etwas verstehen, wissen das. Ein Hotel sollte nicht einfach nur Luxus anbieten, sondern auch Charakter und frische Ideen, so wie es in Mecklenburg-Vorpommern erfreulicherweise nicht selten der Fall ist.
TMV: Welche Rolle spielen die Geschichte und die Landschaft Mecklenburg-Vorpommerns bei der Ausprägung moderner Architekturformen?
Bartels: Sie sind eine Herausforderung, die Architekten offenbar in ihrer Kreativität beflügelt. Ein sehr schönes Beispiel für das Weiterbauen historischer Strukturen ist die kleine Kirche in Barkow von stadt + haus Architekten aus Wismar, in der Touristen besondere Gottesdienste angeboten werden. Ein anderes ist der von dem Hamburger Landschaftsarchitekturbüro WES neu gestaltete Marktplatz in Ribnitz-Damgarten, den die Rostocker Architekten Bastmann und Zavracky mit dem so genannten Bernsteinhaus (mit Restaurant und Touristinformation) gestaltet haben. In der Nähe gibt es noch das Bernsteinmuseum, das Bräuer-Architekten aus Rostock umgebaut haben. Diese Bauwerke und ihre Umgebung haben jeweils für sich hohen historischen Wert. Mit der behutsamen Ergänzung und dem Einbinden neuer Formen in den historischen Kontext entsteht ein neues Ganzes. Ähnlich verhält es sich in der Landschaft. Eine Rettungsstation wie der von den Architekten Hass und Briese in Heiligendamm entworfene Bau muss auffallen, sonst könnten ihn Menschen in Not nur schlecht finden. Gleichzeitig haben es die Architekten durch die Materialwahl und die Farbgebung geschafft, das Gebäude angenehm in das Landschaftsbild einzubinden.
TMV: Sie als Hamburger sind häufig in MV. Wie ist dieses Interesse entstanden, und wo sind Sie am liebsten?
Bartels: Hamburg und die Städte an der Küste in Mecklenburg-Vorpommern haben in der Hanse ja eine lange gemeinsame Geschichte. In Wismar, Stralsund oder auch Greifswald findet man viel von dem, was Hamburg im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit verloren hat. Es gibt viel wertvolle gut hergerichtete historische Bausubstanz, und es gibt interessante moderne Architektur. Das kann man auch erleben, wenn man über Land fährt und so kleine Städte wie Klütz, Penzlin oder Dörfer wie Büschow, Barkow oder Nakenstorf besucht.

Der „Architekturführer Mecklenburg-Vorpommern“ macht Lust darauf, neben  Backsteinkirchen und Bädervillen auch die Projekte des neuen Bauens im Nordosten aufzusuchen. Das von Architekturkritiker Olaf Bartels verfasste und von der Architektenkammer des Landes herausgegebene Buch zeigt die überraschende Bandbreite und hohe Qualität vieler nach 1990 entstandener oder wiederbelebter Häuser. Die meisten Projekte verbindet dabei die starke Orientierung am Standort und an dessen Tradition und Geschichte. Besonders hebt der Autor hervor, dass die neue regionsbezogene Architektur in Mecklenburg-Vorpommern ohne folkloristische Anstrengungen auskommt. Das Buch mit 336 Seiten und 243 Abbildungen passt in jede Tasche und ist im Berliner Jovis Verlag erschienen und kostet 25 Euro.
Informationen: www.architektenkammer-mv.de


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